Die Macht des Erinnerns

Veröffentlicht am Fr, 09.11.2018
von Ulrich Theophil
Pfarrer, Evang. Kirchengemeinde Kornwestheim - Pfarramt Johanneskirche Süd
Pfarrer, Evang. Kirchenbezirk LB - Bezirksämter -

Die brennenden Synagogen, die unter dem dunklen Himmel in sich zusammenstürzten, die ausgeplünderten Geschäfte von jüdischen Inhabern und die Verspottung von Mitbürgern. In der sogenannten Reichskristallnacht, in der so viele Scherben auch des Miteinanders zu Bruch gegangen sind, wurden die Folgen der Rassengesetze von Nürnberg aus dem Jahr 1935 ungebremst ausgelebt.  Was blieb neben den Scherben und den ausgebrannten Gebäuden? Für die Juden nur die Flucht, sofern dies überhaupt möglich war. Für die anderen entweder sich dem fanatischen Denken und Handeln hinzugeben, mitzumachen und mitzulaufen oder sich weg zu ducken in der Hoffnung, dass man selbst verschont blieb. Nur sehr wenige sind in den Widerstand gegangen.
An diese schuldvolle und schmerzlich deutsche Geschichte immer wieder zu erinnern, ist eine nicht aufzugebende Verantwortung, die wir gegenüber unserer eigenen Geschichte haben. Nur durch Erinnern bleibt das Bewusstsein vorhanden, was geschehen ist, wie und warum es so geschehen ist und was wir daraus für unsere Gegenwart zu lernen haben.
Wer sich erinnert, bleibt verbunden mit dem, was war und wie etwas werden wird. Nur durch das Erinnern stellen wir unser eigenes Tun in einen größeren Zusammenhang. Wir tragen diese Geschichte in uns und mit uns. Jede Erinnerung bringt deswegen auch Macht mit sich: die Macht der Gedanken, die Macht des Wollens, die Macht der Entscheidung. Wie will ich unser Zusammenleben gestalten? Machtvoll haben wir es in unseren eigenen Händen. Es wäre fatal, wenn wir uns dem Erinnern entziehen würden. Wir würden viel Macht an Andere, die es vermeintlich besser wissen, abgeben. Erinnern hilft uns Grenzen abzubauen oder auch Grenzen deutlich zu ziehen. 
Was macht das Erinnern mit uns? Dass wir aufmerksam und achtsam mit Strömungen in unserer Gesellschaft umgehen, die ausgrenzen und abgrenzen. Dass wir bereit sind, unsere Stimme zu erheben, wenn etwas nach unserer Einschätzung in Schieflage gerät. 
Wie erinnern wir uns als Christen? Indem wir uns bewusst gemeinsam erinnern, z. B. in einem ökumenischen Gottesdienst heute Abend um 19.00 Uhr in der kath. Martinskirche, wo der Reichskristallnacht gedacht wird.
Die Erinnerung macht`s möglich: Nie wieder solche menschenverachtenden Zustände mitten unter uns.

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