Zum Sonntag: Muss ich die Bibel wörtlich verstehen?

Veröffentlicht am Sa, 20.10.2018
von Olaf Digel
Geschäftsführender Pfarrer, Evang. Kirchengemeinde Ludwigsburg-Neckarweihingen
Pfarrer, Evang. Kirchenbezirk LB - Bezirksämter -

„Ich muss die Bibel wörtlich verstehen, wenn ich sie ernst nehme.“ Bis heute begründen Menschen so die Ablehnung von Frauen im Pfarramt oder der kirchlichen Trauung für alle, auch für Schwule und Lesben. Aber auch Menschen, die die Bibel wörtlich auslegen wollen, legen für sich selbst fest, was sie nun wörtlich nehmen, und was nicht: Bibelstellen zu Zinsverbot, Schuldenerlass oder verbotenem Mischgewebe relativieren auch sie. Martin Luther legt die Bibel von ihrer zentralen Botschaft her aus: Gottes Liebe, die sich in Jesus Christus zeigt. Luther ist bereit, eine biblische Aussage zu kritisieren, wenn sie nicht „Christum treibet“, wie er den Kern der biblischen Botschaft nennt. Aus dieser Perspektive kommt man dann auch zu einer Neubewertung umstrittener Themen: In Württemberg hat man vor 50 Jahren nach langer Auseinandersetzung die Frauenordination eingeführt – Gott sei Dank! Ich wünsche mir nun auch endlich die Einsicht in meiner Kirche, dass sich die Benachteiligung von gleichgeschlechtlich liebenden Menschen nicht biblisch begründen lässt. Unsere Neckarweihinger Kirchengemeinde hat sich wie viele andere Gemeinden der „Initiative Regenbogen“ angeschlossen und bringt damit zum Ausdruck: „Wir sind offen für Lesben und Schwule in unserer Gemeinde, für die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare und für Pfarrerinnen und Pfarrer, die mit ihrer Partnerin oder ihrem Partner im Pfarrhaus leben wollen.“

Der jüdische Theologe Pinchas Lapide beantwortet die Ausgangsfrage so: „Man kann die Bibel ernst nehmen oder wörtlich; beides zusammen verträgt sich nur schlecht.“

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